Die natürliche Wundheilung imitieren

Früher glaubte man, Wunden müssten trocken sein, um gut zu heilen. Heute weiss man: Genau das Gegenteil ist richtig. Moderne Verbandsmaterialien schaffen daher ein optimal feuchtes Klima für die Wundheilung.

Zum Glück gibt es heute Pflaster, welche die Heilung beschleunigen

Autsch, das hat weh getan! Zum Glück gibt es heute Pflaster, welche die Heilung beschleunigen - so ist schon bald keine Spur mehr zu sehen. Bild: RonGreer.Com/Shutterstock.com

Viele Menschen leiden an chronischen Wunden. Dazu gehören etwa ältere Menschen, die bettlägrig sind oder schlecht durchblutete Beine haben, Diabetiker, oder Menschen, bei denen Operationswunden nicht richtig verheilen. Die Pflege solcher Wunden hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Heute weiss man, dass solche Wunden nicht trocken gehalten werden müssen, wie man früher irrtümlicherweise dachte, sondern dass feuchte Wunden am besten heilen. Denn nur so können neue Hautzellen und Blutgefässe wachsen und die offenen Stellen wieder verschliessen.

Klare Richtlinien

Chronische Wunden werden daher heute zum Teil über mehrere Tage hinweg möglichst luftdicht abgeschlossen, um den Heilungsprozess gezielt zu unterstützen. Allerdings eignet sich eine solche rigorose Behandlung nicht in jedem Fall. Bei oberflächlichen Geschwüren etwa kann sie sogar kontraproduktiv sein. Aus diesem Grund ist man an den Spitälern dazu übergegangen, ein sogenanntes Wundmanagement einzurichten, erklärt Marlène Sicher, pädagogische Mitarbeiterin und Jahresverantwortliche Höhere Fachschule Pflege im Careum in Zürich. «Die Behandlung der Wunden erfolgt nach klaren Richtlinien und in enger Absprache mit den Ärzten und der Wundexpertin, die über eine spezielle Zusatzausbildung verfügt. Dabei wird aufgrund der medizinischen und pflegerischen Diagnose entschieden, wie die Wunden zu behandeln sind. Das Wundmanagement legt auch fest, welche Verbandsmaterialen wann verwendet werden.

Wundheilung mit herkömmlichen und modernen Pflaster

Bei der herkömmlichen Pflege deckt man Verletzungen mit einem Pflaster ab und hält sie möglichst trocken. Es bildet sich eine Schorfkruste, unter der die Heilung stattfindet (oben). Bei der modernen Wundheilung wird die Verletzung hingegen feucht gehalten. Es bildet sich keine Kruste und die Wunde heilt schneller (unten). Bilder: Hansaplast

Chronische Wunden werden heute mit sogenannt interaktiven Verbandsstoffen gepflegt. Diese schaffen auf der Wunde ein Klima, wie es unter einer geschlossenen Wundblase herrschen würde. Sie imitieren also den natürlichen Heilungsprozess, indem sie die Wunde in einen warmen und feuchten, aber nicht nassen Zustand bringen. Ausgetrocknete Wunden beispielsweise werden mit Textilien abgedeckt, die ein Hydrogel enthalten. Hydrogele weisen einen hohen Anteil an Wasser auf und befeuchten so Wunden gleichmässig. Gerade den gegenteiligen Effekt haben Verbände mit Hydrofasern. Diese können viel Feuchtigkeit aufnehmen und eignen sich daher, wenn überschüssiges Wundsekret weggeführt werden muss. Auch Alginat-Verbände werden bei solchen Wunden eingesetzt. Diese Kompressen enthalten Fasern aus Braunalgen, welche sich zu einem Gel umwandeln, wenn sie mit Wundsekret in Kontakt kommen. Das neu gebildete Gel sorgt dafür, dass die Wunde trotz dem Abführen des Wundsekrets feucht bleibt. Gleichzeitig wird die Wunde durch das Aufquellen der Algenfasern vollständig ausgefüllt, so dass auch Klüfte in den Wunden optimal versorgt werden.

Keime mit Silber bekämpfen

Ein spezielles Problem stellen Wunden dar, die mit Bakterien kontaminiert sind. Solche Wunden sondern häufig üble Gerüche ab. Diese können mit Aktivkohle gemildert werden. In letzter Zeit werden solche Wunden auch immer häufiger mit Textilien abgedeckt, die Silberpartikel enthalten. Da Silberpartikel Bakterien abtöten, kann mit solchen Verbänden verhindert werden, dass sich in den infizierten Wunden resistente Keime einnisten. Solche Keime sind in den Spitälern sehr gefürchtet, da sie mit Antibiotika nicht mehr behandelt werden können.

Mehr als nur ein Pflästerli

Moderne interaktive Verbandstoffe werden inzwischen nicht nur im Spital, sondern auch im Alltag zuhause eingesetzt – zum Beispiel als spezielle Pflaster für Schürfwunden. Diese «hydrokolloiden Pflaster» bestehen aus einer wasserabstossenden Matrix, die auf der normalen Haut haftet und deshalb wie ein normales Pflaster angebracht werden kann. In dieser Matrix sind saugfähige Partikel eingebettet, die Wundsekret aufnehmen und sich dabei zu einem Gel umwandeln. Da die Partikel beim Aufsaugen quellen, passt sich der Verband optimal an die Wunde an. Auf diese Weise wird die Bildung von Schorf unterbunden. Gleichzeitig verdrängt das Gel auch die haftende Matrix und verhindert so, dass der Verband an der Wunde anklebt. Solche Pflaster können daher ohne Schmerzen und vor allem ohne Störung des neuen Gewebes wieder entfernt werden. Abgedeckt wird das Pflaster mit einer halbdurchlässigen Folie. Diese hält Bakterien und Wasser von der Wunde fern, lässt aber Gase und Wasserdampf aus dem Pflaster entweichen. Dadurch können solche Pflaster ohne Probleme über mehrere Tage auf der Wunde belassen werden.

Text: SATW / Felix Würsten
Quelle: Technoscope 2/11: Funktionelle Textilien
Technoscope ist das Technikmagazin der SATW für Jugendliche
 
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