Achterbahn mit Nebenwirkungen

Achterbahnen und wilde Karussells sind genau dein Ding? Dann viel Spass auf der nächsten Chilbi! Andere verzichten gerne auf den Adrenalin-Kick, da ihnen bei solchen Fahrten schlicht und einfach übel wird. Aber warum reagiert der Körper eigentlich so?

Achterbahn

Schwindel, weiche Knie und Übelkeit sind keine seltenen Nachwirkungen einer Achterbahnfahrt. Aber woher kommt diese Reaktion? Bild: CanStockPhoto

Achterbahnen schütteln uns so richtig durch. Einige Menschen können nicht genug davon kriegen, andere schauen lieber nur zu. Denn manchen Menschen wird es auf der Achterbahn so richtig übel; das ist zwar nicht schlimm und vergeht nach einer Weile, aber lustig ist es auch nicht.

Das Gleichgewicht in den Ohren

Das knöcherne Labyrinth im Innenohr

Das knöcherne Labyrinth im Innenohr des Menschen. Die Flüssigkeit in den Bogengängen reagiert auf Bewegungen des Kopfes und reizt dabei die Gleichgewichts-Sinneszellen. Bild: Wikimedia Commons

Die Übelkeit in der Achterbahn wird durch ein gestörtes Gleichgewicht verursacht. Unser Gleichgewichtsorgan sitzt im Innenohr und hat die Aufgabe, unsere Position im Raum und Drehbewegungen oder Beschleunigungen gegenüber der Umgebung zu registrieren. Hauptbestandteil des Gleichgewichtsorgans sind drei kleine, gebogene Kammern im Innenohr, die man Bogengänge nennt. Sie stehen rechtwinklig aufeinander, so dass sie die drei Achsen im Raum abbilden, und enthalten eine Flüssigkeit. Bewegen wir uns, verschiebt sich die Flüssigkeit; das funktioniert wie bei einem durchsichtigen, gebogenen Schlauch, der halb mit Wasser gefüllt ist. Bewegst du ihn leicht hin und her, wirst du sehen, dass sich der Wasserspiegel der Bewegung anpasst. Die Bogengänge im Ohr erkennen die Bewegung der Flüssigkeit dank haarfeinen Sinneszellen. Diese Zellen leiten die Information ans Gehirn weiter, so dass wir feststellen können, ob der Körper ruht oder sich bewegt, und in welcher Position er sich gerade befindet. Zusätzlich erhält das Gehirn auch über die Augen Informationen über die Lage unseres Körpers im Vergleich zur Umgebung. Die Informationen von Augen und Innenohr stimmen im Normalfall überein.

Gespeicherte Bewegungen

Wilde Karussellfahrt

Teil des Vergnügens: Das wacklige Gefühl nach der Fahrt ... Bild: CanStockPhoto

In einer Achterbahn wird das Gleichgewichtsorgan durch ungewohnte Bewegungen stark strapaziert und funktioniert nicht mehr richtig. Das Gehirn hat Mühe, unsere Position im Raum zu deuten. Jeder Mensch entwickelt nämlich ab der Geburt ein Bewegungsmodell. Es entsteht durch das Zusammenspiel des Gleichgewichtsorgans mit Muskeln, den Augen und anderen Sinnesorganen. Das Modell speichert unsere Bewegungen und weiss deshalb sofort, wann wir sitzen, liegen oder uns bewegen. Das ermöglicht eine schnelle Koordination unserer Bewegungen und die Kontrolle über unseren Körper. Bewegungen, die wir immer wieder machen, werden durch dieses Modell „automatisiert“. Sportler, Artistinnen und Astronauten zum Beispiel müssen sich für ihre Tätigkeiten spezielle Bewegungsmodelle antrainieren. Dazu gehören nicht nur die willentlichen Bewegungen: Auch die glatte Muskulatur, die Körperfunktionen wie Atmung, Blutfluss und Verdauung unterstützt und ermöglicht, wird gemäss diesem Modell „trainiert“. Anders wäre es nicht möglich, dass wir beispielsweise beim Rennen trotz heftiger Bewegung unserer Eingeweide immer noch rhythmisch atmen können und unser Mageninhalt dabei an seinem Platz bleibt.

Strapazierte Nerven

Ungewohnte Bewegungen und Beschleunigungen bringen dieses Bewegungsmodell jedoch durcheinander. Es kennt die Bedingungen einer Achterbahn kaum, unser Körper hat diese Erfahrung wenig bis gar nie gemacht – er ist einfach nicht gerüstet für eine rasante Fahrt mit engen Kurven, plötzlichen Beschleunigungen und Loopings. Wenn wir im Achterbahn-Wagen sitzen, hat das Gehirn das Modell „keine Bewegung“ eingeschaltet; Auge, Gehör, und auch unsere inneren Organe registrieren jedoch Beschleunigung und eine ganze Menge abrupte Richtungswechsel. Diese widersprüchlichen Informationen führen zu Übelkeit und schlimmstenfalls zum Erbrechen. Fast Food und Alkohol direkt vor der Achterbahnfahrt? Keine gute Idee …

Wann, bei wem, warum – wir wissen es nicht ganz genau

Noch nicht geklärt haben die Forscher, warum in manchen Situationen fast allen Versuchspersonen schlecht wird, in anderen jedoch nicht. Verschiedene Experimente, bei denen Leute in langsam fahrenden Karussells sassen oder sich in einer Art Laufrad bewegten und dabei eine wechselnde Umgebung beobachteten, führten zu unterschiedlichen Ergebnissen: Mal führte die optische Wahrnehmung, die nicht zur Bewegung des Körpers passte, unverzüglich zu Übelkeit. In anderen Fällen führte sie jedoch zu einer veränderten Wahrnehmung des eigenen Körpers, dass die Versuchsperson also beispielsweise den Eindruck hatte, rückwärts statt vorwärts zu gehen – und das ohne jegliches Unwohlsein.

CanStockPhoto

Gamen auf dem Rücksitz

Unangenehm ist es, wenn einen die Bewegungsübelkeit – auch Kinetose oder gemeinhin Reisekrankheit genannt – in ganz alltäglichen Situationen überfällt. Ein Autofahrer hat es normalerweise nicht darauf angelegt, bei seinen Mitfahrern Adrenalinschübe auszulösen, und Loopings fährt er auch nicht. Doch wenn man auf dem Rücksitz sitzt und ein Game spielt oder liest, gerät unser Gehirn durch die verschiedenen Sinneseindrücke ähnlich wie auf der Achterbahn durcheinander: Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet Beschleunigung und Bewegung, die auf den Bildschirm oder das Heft fixierten Augen melden jedoch einen Ruhezustand. Diese zwei gegensätzlichen Informationen verwirren das Gehirn und lösen Übelkeit aus. Interessanterweise sind manche Menschen anfälliger dafür als andere. Bei kleinen Kindern ist der Gleichgewichtssinn noch nicht so ausgeprägt, tendenziell scheinen Jugendliche und junge Erwachsene am meisten Mühe mit Reisekrankheit zu haben; danach scheinen sich jedoch viele ans Autofahren gewöhnen zu können.

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