Der sechste Sinn

Von ihm ist nur selten die Rede, aber ohne ihn wären wir arm dran. Der sechste Sinn sagt uns genau, wo wir uns im Raum befinden und wie schnell wir uns darin bewegen.

Nicht nur auf der Slackline braucht es den sechsten Sinn. Bild: CanStockPhoto

Beim Gehen müssen wir nicht ständig auf unsere Füsse starren, sondern setzen einfach einen Fuss vor den anderen. Wir putzen die Nase, ohne dafür vor einem Spiegel stehen zu müssen. Wir können genau einschätzen, wie viel Kraft wir zum Heben eines Glases und wie viel zum Heben einer schweren Tasche einsetzen müssen. Und auch im Dunkeln verlieren wir nicht das Gleichgewicht. All dies ist dem sechsten Sinn zu verdanken. Die Wissenschaft spricht von Eigenwahrnehmung, Körpersinn oder Propriozeption.

Wo steckt der sechste Sinn?

Wie die anderen Sinne ist auch der sechste mit einem Organ verknüpft: dem so genannten Golgi-Organ. Es besteht aus einem Nervengeflecht überall im Körper am Übergang zwischen Muskel und Sehnen und dient der Messung und Regelung der Muskelspannung. Drei weitere Typen von Propriozeptoren leiten ständig Informationen ans Gehirn weiter, wo sie unbewusst, das heisst sozusagen im Hintergrund verarbeitet werden. Die Muskelspindel erfassen den Dehnungszustand der Skelettmuskulatur und zwei Mechanorezeptoren (das Ruffini-Körperchen und das Vater-Pacini-Körperchen) nehmen selbst kleinste Vibrationen wahr und messen Stellung, Dehnung und Bewegung der Gelenke und die Spannung der Haut. Zusammen erzeugen sie «den inneren Sinn, dank dem der Körper sich seiner selbst bewusst ist». So umschreibt der berühmte Neurologe Oliver Sacks die Eigenwahrnehmung. Er schildert den Fall einer Frau, die den sechsten Sinn durch eine Nervenkrankheit verloren hat und kaum noch aufrecht sitzen kann. Um sich wieder zu bewegen, muss sie lernen, ihren Körper mit den Augen zu kontrollieren.

Prothesen mit sechstem Sinn

Auch Bein- oder Arm-amputierte Menschen verlieren die Eigenwahrnehmung für ihr verlorenes Glied. Die Forschung arbeitet daran, sie mithilfe künstlicher Sensoren in den Prothesen wiederherzustellen. Dafür müssen Nervenimpulse aus dem Gehirn in elektrische Signale im künstlichen Arm umgewandelt werden und umgekehrt.

Text: SATW / Christine D'Anna
Quelle: Technoscope 3/18: Technik für die Sinne. Technoscope ist das Technikmagazin der SATW für Jugendliche

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