Viviane Kehl (25), Mathematikerin an der SBB

Viviane Kehl von der Mathematik-Olympiade arbeitet nun bei der SBB. In welche Richtung sie beruflich gehen wollte, fand sie heraus, indem sie ihren eigenen Interessen nachging − und zwar auch jenseits des regulären Stundenplans.

Jacqueline Mock

Viviane Kehl an ihrem Arbeitsplatz. Bild: Severin Novacki

Ein Flickenteppich aus roten, grünen und gelben Zellen erstreckt sich auf einem der drei Bildschirme, vor denen Viviane sitzt. Ich frage sie, was die Farben zu bedeuten haben. "Generell gilt: Rot ist schlecht, grün ist gut und gelb ist okay", erklärt sie. Was hier im Ampelsystem dargestellt wird, sind Informationen über Stellwerke, die den Zügen den Weg ebnen, indem sie die Signale und Weichen koordinieren. Wenn man beispielweise überprüfen will, ob ein bestimmter Bauplan sicher funktionieren könnte, muss man wissen, welches Stellwerk wozu in der Lage ist.

Im Moment werden diese Daten noch in vielen verstreuten Listen und Tabellen aufbewahrt. Daraus soll Viviane nun eine einzige Datenbank machen, in der man genau nach den Informationen suchen kann, die man braucht. Die besonnen wirkende 25-jährige mit den dichten braunen Locken arbeitet seit Anfang September im SBB Gebäude direkt neben dem Bahnhof Bern Wankdorf. Vom Grossraumbüro aus haben Viviane und ihre Kolleginnen und Kollegen freie Sicht auf die Früchte ihrer Arbeit: Züge finden ihren Weg zum richtigen Perron, Passagiere steigen ein und aus, und die Fahrt geht weiter. Hin und wieder rauscht ein Intercity ohne Halt über die Gleise.

Die Wände des Büros sind mit Naturfotos und Bildern von besonders malerischen Eisenbahnstrecken geschmückt, dazwischen hängen kompliziert aussehende Flowcharts. Beim Blick auf Vivianes Schreibtisch fallen mir sofort die Wasserflasche von der IPhO 2016 (Internationale Physik-Olympiade) und ein Etui mit der Aufschrift "EGMO 2018" (European Girls' Mathematical Olympiad) auf. Die praktischen Souvenirs erinnern an die Wissenschafts-Olympiaden, bei denen sich Viviane bis heute freiwillig engagiert, nachdem sie als Jugendliche an der Mathematik- und Physik-Olympiade teilnahm.

Mathematiklager und ferne Länder

Als Kind fand Viviane den Mathematikunterricht eher langweilig. Dort ging es in der Primarschule vor allem darum, grundlegende Rechenoperationen einzuüben. Was ihr an der Mathematik Spass machte, war das logische Denken. Als sie tiefer in das Fach eintauchte, stiess sie auf spannende Rätsel, an denen sie stundenlang herumknobeln konnte. Dank Förderprogrammen wie der Junior Euler Society, durch die sie auch von der Mathematik-Olympiade erfuhr, hatte Viviane die Chance, über den üblichen Lehrplan hinauszugehen. Als sie zum allerersten Mal in ein Lager der Mathematik-Olympiade fahren durfte, war sie sich im Voraus noch nicht sicher, ob sie sich dort wohl fühlen wurde. Lager mochte sie eigentlich nicht. Doch das änderte sich schnell, als sie Leute aus der ganzen Schweiz kennenlernte, mit denen sie tagein, tagaus über Mathematik sprechen und lustige Spiele spielen konnte. Mit der Zeit fing sie dann sogar an, ganz normale Klassenlager zu mögen.

Viviane schaffte es auch mehrmals in internationale Runden der Mathematik-Olympiade, wo sie die Erfahrung machte, dass man überall auf der Welt Leute finden kann, mit denen man sich gut versteht. Diese Einstellung hatte sie im Gepäck, als sie Jahre später für ein Auslandssemester nach Hong Kong reiste. "Ohne die Mathematik-Olympiade hätte ich mich wohl nicht getraut", sagt Viviane. "Doch dort habe ich gemerkt, dass man irgendwo hingehen kann und immer nette Leute findet." Sie hätte sowieso keine Zeit gehabt, sich im Voraus grosse Gedanken zu machen, da ihr Flug am Tag nach der letzten Prüfung abhob. In Hong Kong lernte sie eine andere Kultur kennen und gewann Abstand von Alltag an der ETH. Als ich die übertrieben formulierte Frage stelle, ob sie während des Auslandaufenthalts je eine Situation gab, in der sie sich fragte, wie sie das Semester überleben soll, antwortet sie mit unaufgeregter Zuversicht: "Es ist ja nur ein Semester, das überlebt man schon."

Von der EGMO zur Eisenbahn

Nach der Kanti hatte Viviane noch nicht genug von der Mathematik-Olympiade und wurde von der Teilnehmerin zur Freiwilligen. Bald fand sie sich im Organisationskomitee für die European Girls’ Mathematical Olympiad, kurz EGMO, wieder. Der Wettbewerb zur Förderung mathematikbegeisterter Mädchen fand 2017 in der Schweiz statt. Einen solchen Anlass ins Leben zu rufen, stellte für Viviane eine neuartige Herausforderung dar, die sie allerdings als sehr bereichernd empfand. Sie genoss es, Teil eines Teams zu sein und miterleben zu können, was sie zusammen mit den anderen auf die Beine gestellt hatte. Die EGMO 2017 war im Nachhinein betrachtet wohl ausschlaggebend dafür, dass sie sich entschloss, kein Doktorat in Mathematik anzustreben. Auch wenn ihr die Masterarbeit in axiomatischer Mengenlehre Spass machte: Fünf Jahre in Einzelarbeit über etwas nachzudenken, das keinerlei Anwendungspotential hat, konnte sie sich schliesslich doch nicht vorstellen.

Also suchte sie nach einer konkreteren, kooperativeren Arbeit. Und ihr war auch schon klar, worum es dabei gehen sollte: Züge. Für diese hegte Viviane schon immer eine Faszination, die sie schliesslich auslebte, indem sie an der ETH eine Vorlesung in Eisenbahnsystemtechnik besuchte. Viviane erzählt mit spürbarer Begeisterung von diesem Blick hinter die Kulissen der Bahn. An ihr Studium anrechnen lassen konnte sie sich die Vorlesung nicht, aber für Viviane lohnte es sich, ihre Freizeit im Hörsaal zu verbringen. Nicht zuletzt, weil der Hörsaal nicht der einzige Ort war, den sie zu sehen bekam: In einer zweitägigen Abschlussexkursion durchquerte sie die ganze Schweiz auf Schienen und durfte im Führerstand mitfahren.

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