Fasten – ein Ausnahmezustand für den Körper

Wie lange kann man deiner Meinung nach ohne Essen überleben? Zwei Tage, zwei Wochen, zwei Monate? Wasser- und Vitaminzufuhr vorausgesetzt, liegt die Antwort für einen gesunden Erwachsenen im oberen Bereich dieser Spanne. Wie aber schafft es unser Körper, so lange ohne Nahrung auszukommen?

Leerer Teller mit Wasserglas

Bild: Jean Fortunet/Wikimedia Commons, CC-Lizenz

Was heisst eigentlich „fasten“?

Fasten nennt man die Zeit, während der ein Individuum – freiwillig oder nicht – auf Nahrung und manchmal sogar auf Getränke verzichtet. Der Mensch hat, genau wie viele Tiere, immer schon Zeiten erlebt, in denen es an Nahrung mangelte. Aus dieser sehr ursprünglichen Notwendigkeit heraus hat sich der Stoffwechsel der Tiere so entwickelt, dass er auch bei einem temporären Mangel an „Brennstoff“ funktioniert. Der Körper kann seine Grundfunktionen weiterhin erfüllen, indem er seine Nährstoffreserven anzapft.

Während der heutige Mensch eigentlich nicht für übermässiges Fasten gebaut ist, da seine Ernährung grundsätzlich sehr vielfältig ist und er schlechtere Zeiten dank Vorratshaltung überbrücken kann, sind Fastenperioden bei gewissen Tieren tief im Verhalten verankert. Ein Beispiel ist der Winterschlaf des Bären. Mehrere Bärenarten verbringen den Winter in Winterruhe, wobei sie ihre Aktivität auf ein Minimum reduzieren. In dieser Zeit sinkt die Körpertemperatur, und der Bär lebt von Fettreserven, die er im Lauf des vergangenen Jahres angelegt hat. Bis zum Ende des Winters kann er bis zur Hälfte seiner Körpermasse verlieren.

Beim Menschen besteht das (freiwillige) Fasten hauptsächlich in einem religiösen Rahmen fort. Sowohl Christentum, als auch Islam und Judentum sehen im Lauf des Jahres eine oder mehrere Perioden des Verzichts vor. Die Fastenzeit, der Ramadan oder Jom Kippur sind Beispiele dafür.

Physiologische Effekte

Studien bei verschiedenen Tierarten und dem Menschen sprechen dafür, dass das Fasten sich in drei Phasen einteilen lässt. Der Prozess ist allen untersuchten Arten gemeinsam und lässt vermuten, dass diese Anpassung ans Fasten sehr früh in der Evolution geschah. Die erste Phase beginnt 12 Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme und dauert 3–4 Tage. Innerhalb eines Tages erschöpfen sich die Glucose-Reserven, und dieser Zucker muss aus anderen Molekülen neu gebildet werden, um die Versorgung des Körpers aufrechtzuerhalten. Dies nennt man Gluconeogenese. Als Quelle dafür werden Proteine, hauptsächlich aus den Muskeln, sowie Fette herangezogen.

Kaiserpinguine mit Jungen

Kaiserpinguin-Väter nehmen während der gesamten Brutzeit von über zwei Monaten im antarktischen Winter keine Nahrung zu sich. Bild: CanStockPhoto

Da der Abbau von Proteinen nicht unablässig weitergehen kann, ohne schwerwiegende Probleme zu verursachen, tritt eine zweite Phase ein, die sich über mehrere Wochen erstrecken kann. Der Übergang zur zweiten Phase macht sich als Übersäuerung (Azidose) bemerkbar. Die Notwendigkeit, den Stoffwechsel an den Nahrungsmangel anzupassen, führt zu einem Abfall des pH-Wertes im Blut und einer allgemeinen Müdigkeit, teils in Kombination mit Übelkeit und Migräne. Die zweite Phase stellt eine Art Plateau dar, während der mehr Fett und weniger Proteine für die Energieproduktion genutzt werden. Die Dauer dieser Phase ist unterschiedlich und hängt von den Fettreserven eines Individuums ab. Beim Kaiserpinguin – einem „professionellen Hungerkünstler“ – schätzt man, dass sie mehr als 100 Tage dauern kann, bis 80% der Fette erschöpft sind.

In der dritten Phase erhöht sich der Anteil an Proteinen wieder, die für die Zuckerversorgung des Körpers aufgebraucht werden. Die Verringerung der Proteinreserven bedroht letztlich die Funktionsfähigkeit lebenswichtiger Organe wie des Herzens oder des Gehirns und führt zum Tod, wenn dem Körper nicht rechtzeitig wieder Nahrung zugeführt wird. Im Jahr 1981 starben 10 irische Gefangene an den Folgen eines Hungerstreiks, nachdem sie zwischen anderthalb und über drei Monaten jegliche Nahrung verweigert hatten.

Therapeutisches Fasten?

Nahrungsverzicht wird andrerseits seit langem auch als Heilmethode angesehen. Ärzte des antiken Griechenlands liessen „Kranke“ als letztes Mittel für 30 Tage fasten. Die Alternativmedizin hat die Praxis des Heilfastens bis heute beibehalten, die jedoch wissenschaftlich einen schweren Stand hat. Verschiedene Statistiken aus medizinischen Zentren weisen allerdings darauf hin, dass unterschiedliche Leiden nach einer oder mehreren Fastenperioden gelindert werden konnten, und in der Krebsforschung interessiert man sich für die Wirkung des Fastens als Begleitung einer Chemotherapie.

Der Mangel an breit abgestützten Studien zum Nutzen des Fastens ist jedoch gar nicht so relevant, wenn der Patient vom Nutzen der Methode überzeugt ist. Infolgedessen ist es schwierig zu unterscheiden, ob das Unterbewusste des Kranken oder ein strikt physiologischer Mechanismus zu einer Linderung der Beschwerden geführt hat. Mediziner raten grundsätzlich von einer Fastenkur ab, wenn der Patient nicht erwachsen und allgemein bei guter Gesundheit ist, und empfehlen dafür nur spezialisierte Zentren. Auf jeden Fall sollte sich eine Fastenkur beim Menschen auf eine kurze Zeitdauer beschränken und kann nicht als Ersatz für allgemein ausgewogene Essensgewohnheiten dienen.

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