Die Abenteuer von Globin und Poietin (6)

Die knapp 10-jährige Lili leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verschrieben. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber wegen Lilis Ungeduld landet das (Erythro-)Poietin erst einmal auf dem falschen Weg und muss sich zusammen mit (Hämo-)Globin auf eine abenteuerliche Reise durch Lilis Körper machen, bevor es an seinen Bestimmungsort gelangt. Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10

Teil 6: Das Herz

Globin & Poietin: Titelbild

Die Abenteuer von Globin und Poietin: Ein wissenschaftliches Märchen. Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics. Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»

Je näher die beiden Lilis Herz kamen, desto ohrenbetäubender wurde das Geräusch des Herzschlags. „Pass auf! Wir sind da!“, rief Globin.
„Das kann ich hören!“, rief Poietin und hielt sich die Ohren zu. „Das ist ja wie in einer gigantischen Glocke!“
Sie hielten sich so gut wie möglich an der Blutzelle fest; der Lärm war fast nicht auszuhalten.

Globin und Poietin im Herzmuskel

„Hast du keine Ohrenstöpsel?“, schrie Poietin. „Man hört sich ja nicht einmal mehr denken. Das ist wie ... “ Es hielt inne, völlig überwältigt von dem Anblick, der sich ihnen plötzlich bot.
„Grossartig!“, murmelte es, „eine Kathedrale“. Poietin vergass für einen Moment sogar den Höllenlärm, der an diesem Ort herrschte.
Die beiden Proteine stiegen von der Blutzelle. Hoch über ihnen ragte eine Art riesiger Kuppel auf, die in regelmässigem Rhythmus erzitterte. Sie war von riesigen Säulen gesäumt, an denen Hunderte von verflochtenen Seilen hingen. Alles schien sich zu krümmen und zu biegen, um dann hoch oben im Zentrum der majestätischen Kuppel zusammenzukommen.
„So etwas habe ich noch nie gesehen ...“, flüsterte Poietin.
„Noch nie ...“
„Wer ist da?“, sangen zwei Stimmen – eine tiefe, eine hohe – in einem seltsamen Duett. Poietin und Globin sahen sich an. Keines von beiden wusste, wo die Stimmen herkamen.
Doch plötzlich erschienen aus dem Nichts zwei Proteine und rutschten eine der Säulen herunter. Eines war ganz gross, das andere ganz klein. Das grosse landete auf Globins Fuss.

Myosin

„Aua! Kannst du nicht besser aufpassen, Myosin?“, schrie Globin auf.
„Weisst du, wer die sind?“, fragte Poietin erstaunt.
„Natürlich weiss ich das.“ Globin rieb seinen Fuss.
„Das da“, es zeigte auf das grosse Protein, „ist Myosin. Und Actin“ –  Globin nickte zum kleinen Protein hin – „ist sein Cousin.“ Poietin schwieg einen Moment, sichtbar hingerissen von dem hübschen, kleinen, runden Protein.

„Wir sind unzertrennlich!“, sangen die beiden Cousins im Duett.
„Unzertrennlich?“, wiederholte Poietin.
Myosin und Actin nickten energisch.
„Sie arbeiten zusammen, Poietin“, erklärte Globin. „Actin und Myosin wohnen in Lilis Herz. Sie gehören zu den Muskeln, die das Herz schlagen lassen, und sie pressen das Blut durch die Arterien.“

Actin

„Oh ...“ Poietin sah zutiefst enttäuscht aus.
„Was ist los? Warum bist du plötzlich so betrübt?“, fragte Globin.
„Ach ... nichts ...“ Poietin setzte sich und begann, ein Stückchen Schleim zu Kügelchen zu rollen.
„Globin?“, wollte Myosin wissen.
„Mmm“, antwortete Globin abgelenkt und immer noch ein wenig um Poietin besorgt.
„Du hast nicht zufällig ein Sauerstoffmolekül dabei, oder?“
„Doch, hab’ ich!“
„Oh toll ... vielen, vielen Dank. Hört ihr, wie Lilis Herz nur mit Mühe schlägt?“ Tatsächlich schien jeder Schlag eine Qual zu sein. „Das Blut wird bald gar nicht mehr richtig vorankommen, wenn das so weitergeht.“
„Ach ... komm schon, Myosin, übertreib nicht!“, wich Globin aus. „Du bist ein Pessimist!“
„Nein, das stimmt überhaupt nicht. Hast du nicht gemerkt, dass die roten Blutzellen überall Verspätung haben? Wie lange musstet ihr denn auf eine Blutzelle warten? War sie pünktlich? War sie das?“
„Aber sicher, nicht war, Poietin?“ Globin wandte sich an Poietin. „Wir mussten nicht lange warten, oder?“ Poietin wusste nicht, was es antworten sollte. Es erinnerte sich, dass sie ewig lange auf die Ankunft der roten Blutzelle warten mussten. „Tatsache ist, dass wir sogar schneller als erwartet eine rote Zelle bekamen, nicht wahr?“, fuhr Globin fort, während es Myosin ein bisschen Sauerstoff gab. Poietin, von Globins Unehrlichkeit völlig verwirrt, sagte nichts. Stattdessen wandte es sich an Myosin.
„Myosin?“
„Ja?“
„Wir suchen das Knochenmark, das die roten Blutzellen herstellt. Weisst du, wo wir es finden können?“
Weder Myosin noch Actin hatte die geringste Ahnung, doch sie schlugen vor, dass Globin und Poietin die Aorta nehmen sollten und dann die Halsschlagader, die sie zum Gehirn führen würde. Dort würde man ihnen bestimmt weiterhelfen.
„Wenn es etwas gibt, das alles weiss, dann ist es das Gehirn!“, riefen die beiden Unzertrennlichen. „Da geht’s lang!“ Actin und Myosin zeigten auf einen Korridor, dessen Eingang von etwas versperrt wurde, das aussah wie eine Klapptür.
Doch bevor jemand reagieren konnte, kam eine grosse Welle roter Blutzellen in ihre Richtung geschwappt. Myosin und Actin schafften es, sich an einer Säule festzuhalten, aber Globin und Poietin wurden von der starken Strömung mitgerissen und hörten Myosin gerade noch rufen, als sie in die Arterie geschleudert wurden: „Lasst euch von der Welle treiben!“

weiter zu Teil 7


Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz (Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics)
Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International, überarbeitet von Redaktion SimplyScience.ch

© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
ISBN 2-9700405-2-2

Die Geschichte ist als französisches und englisches Buch bei Lulu.com erhältlich. Die PDF-Versionen sind kostenlos downloadbar.

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Wolfgirl schrieb:

Toll