Die Abenteuer von Globin und Poietin (3)

Die knapp 10-jährige Lili leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verschrieben. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber wegen Lilis Ungeduld landet das (Erythro-)Poietin erst einmal auf dem falschen Weg und muss sich zusammen mit (Hämo-)Globin auf eine abenteuerliche Reise durch Lilis Körper machen, bevor es an seinen Bestimmungsort gelangt. Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9Teil 10

Teil 3: Poietin landet am falschen Ort

Globin & Poietin: Titelbild

Die Abenteuer von Globin und Poietin: Ein wissenschaftliches Märchen. Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics. Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»

Der kurvenreiche, enge, stockdunkle Tunnel, in den Poietin fiel, schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Es rutschte durch eine klebrige, etwas feuchte Röhre, und die Wände dieser seltsamen Rutschbahn bewegten sich, zogen sich zusammen und drückten es immer weiter vorwärts. Dann wurde der Tunnel plötzlich weit, und Poietin landete mit einem Rums kopfüber auf einer feuchten Fläche. Verblüfft schaute es sich um. Es war anscheinend in einer Höhle gelandet, einer riesigen, feuchten Höhle. Hier war es sehr warm und ... igitt ... es roch nicht sehr gut.

Poietin auf Abwegen

„Wo bin ich?“, fragte sich Poietin, rappelte sich auf und hielt sich die Nase zu.
„So hat man mir das nicht beschrieben. Ich bin eindeutig nicht am richtigen Ort.“ Es stand auf und entfernte etwas Klebriges von seinem Bein.
„So! Keine Zeit zum Träumen. Ich habe einen Auftrag zu erledigen!“ Doch Poietin rutschte zum zweiten Mal aus und fiel heftig auf den Po. Wütend stand es auf und rieb sich die blauen Flecken. „Das ist ja das reinste Glatteis hier!“
„Wer ist da?“, rief eine donnernde Stimme.
„Wer ist da? Wer ist da?“, wiederholte ein Echo. Dann war es still. Poietin war überrascht und wagte weder zu antworten noch sich vom Fleck zu rühren. Es hielt den Atem an.
Unvermittelt erklang ein regelmässiges Geräusch: tschack … tschack … tschack … Auf Zehenspitzen ging Poietin auf das Geräusch zu, das von hinter einem Hügel zu kommen schien und immer lauter wurde. Poietin schaute über die Erhebung ... und war erleichtert, ein anderes Protein zu sehen. Ganz so wie es selbst. Ein riesiges Protein, aber, da war es sich sicher, auch ein freundliches. „Vielleicht zeigt es mir den Weg“, dachte Poietin bei sich, als es über den Hügel kletterte und ihm entgegenhüpfte. Aber plötzlich hatte seine Sorglosigkeit ein Ende und es machte einen panischen Satz, als es merkte, was der Riese da tat: Er zerhackte ein anderes Protein, Albumin!
Albumin lag ausgestreckt auf dem Tisch – Lili musste wohl heute Morgen ein Ei gegessen haben. Denn Albumin ist eigentlich im Eiweiss zu Hause. Doch hier war dieses Schlachter-Protein und hackte es in klitzekleine Teilchen!

Pepsin

Poietin wusste nicht, was es tun sollte. Bleiben? Weglaufen? Wenn es noch länger bliebe, würde es vielleicht auch vom Riesen-Protein zerhackt werden! Aber wo könnte es hinrennen? Es wusste überhaupt nicht, wo es war und zitterte vor Angst, aber es brachte ein „Hallo ...“ fertig. Die einzige Antwort, die Poietin bekam, war ein Grunzen. Dann machte das Schlachter-Protein weiter mit seiner grausigen Aufgabe. „Vielleicht ist das ja seine Art und Weise ‚hallo‘ zu sagen“, dachte Poietin. Also räusperte es sich und redete weiter: „Entschuldigung, könnten Sie mir sagen, wo ich hier bin?“
Das Riesen-Protein grunzte zum zweiten Mal mit finsterer Miene. Poietin beobachtete, wie es systematisch weiter hackte, und fragte sich, was es tun sollte. Dann nahm es noch einen Anlauf. „Entschuldigen Sie ... ähm ... ich habe einen Auftrag zu erfüllen ... einen sehr wichtigen ... Lilis Leben hängt davon ab!“

Pepsin

Das Schlachter-Protein hörte auf zu hacken, hielt seine Axt hoch über den Kopf und drehte sich um, damit es Poietin sehen konnte.
Poietin schluckte, denn ausser den kleinen Überresten von Albumin auf dem Tisch ... und dem Schlachter ... war nur noch es selbst da. Eine fürchterliche Angst stieg in ihm hoch, als es sich der Gefahr bewusst wurde, in der es schwebte.
„Ach, ich sehe, Sie haben viel zu tun ... Vielleicht sollte ich ...“
Der Schlachter bewegte sich in Poietins Richtung und es rannte weg, so schnell es konnte, ohne eigentlich zu wissen, wohin es fliehen sollte. Denn der einzige Ausweg war von dem riesigen Protein versperrt, und bei dem Gedanken, wieder den schleimigen Tunnel hinaufzuklettern, wurde Poietin schlecht. „Ich muss mich verstecken. Ich muss etwas finden, wo ich mich verstecken kann“, keuchte es. Zack! Die Axt des Schlachters ging ganz nah an ihm vorbei und schlug direkt neben ihm auf den Boden.

„Oooooooooooooooooooooh“, schrie Poietin, als es sich bückte, um der scharfen Schneide auszuweichen. Zum zweiten Mal zischte die Axt an ihm vorbei, und zum dritten und vierten Mal, als das Monster immer näher kam. Poietin konnte gerade noch entkommen, aber ihm war bewusst, dass es bald keine Ausweichmöglichkeit mehr geben würde. Es war in einer Sackgasse gelandet und würde jeden Moment zu Hack-Protein werden, genau wie Albumin! Die Axt war jetzt direkt über Poietin. „Das ist mein Ende!“, schrie es. Es machte seine Augen zu und wartete auf den Schlag der Axt ...

weiter zu Teil 4


Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz (Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics)
Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International, überarbeitet von Redaktion SimplyScience.ch

© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
ISBN 2-9700405-2-2

Die Geschichte ist als französisches und englisches Buch bei Lulu.com erhältlich. Die PDF-Versionen sind kostenlos downloadbar.

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