Die Abenteuer von Globin und Poietin (10)

Die knapp 10-jährige Lili leidet an Blutarmut und bekommt ein Medikament namens Erythropoietin verschrieben. Dieser Stoff regt das Knochenmark dazu an, neue rote Blutzellen zu produzieren. Aber wegen Lilis Ungeduld landet das (Erythro-)Poietin erst einmal auf dem falschen Weg und muss sich zusammen mit (Hämo-)Globin auf eine abenteuerliche Reise durch Lilis Körper machen, bevor es an seinen Bestimmungsort gelangt. Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Teil 6Teil 7Teil 8Teil 9

Teil 10: Durchs Rückenmark zum Ziel

Globin & Poietin: Titelbild

Die Abenteuer von Globin und Poietin: Ein wissenschaftliches Märchen. Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics. Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»

„Hahaha!“ lachte Kristallin. „Keine Angst! Das ist Merlin, Lilis Katze!“
Globin, Poietin und Orexin rappelten sich wieder auf.
„Oh ...“ sagte Poietin. „Das passiert also auf der anderen Seite von Lilis Auge ...“
„Du meine Güte! Ich hätte fast vergessen, warum wir hier sind!“, rief Globin plötzlich, als es sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte. „Das war wirklich super, Orexin. Wir kommen wieder! Versprochen! Aber jetzt musst du uns sagen, wie wir zu Lilis Knochenmark kommen. Bitte … Lili ist sehr krank.“
Orexin schaute wieder verschmitzt. „Nur, wenn ihr dieses Rätsel löst ...“
Poietin und Globin stürzten sich auf Orexin und hätten es erwürgen können. „Schon gut, schon gut. Ich mach ja nur Spass!“, lachte dieses. „Also ... Das Knochenmark, das ihr sucht, nennt man das rote Knochenmark.“ Globin und Poietin hörten aufmerksam zu. „Ihr findet es im Beckenknochen.“
„Los, Globin, wir müssen zu Lilis Becken!“, rief Poietin.
„Ich bin noch nicht fertig“, fuhr Orexin fort. „Ich wollte sagen, dass ihr rotes Knochenmark in Lilis Becken findet ... oder in ihren Rippen ...“
„Die Rippen! Die Rippen! Komm schon, Globin!“
„Ich bin immer noch nicht fertig ...“ Globin und Poietin gaben sich Mühe, ihre Ruhe zu bewahren.
„Ich sagte ... in Lilis Becken, ihren Rippen oder ihrem Brustbein.“ Niemand sagte etwas.
„Worauf wartet ihr?“, fragte Kristallin.
„Oh, du bist fertig?“, fragte Poietin leicht erstaunt.
Aus Lilis Linse liess sich ein ungläubiger Seufzer vernehmen.
„An eurer Stelle würde ich zu Lilis Becken gehen. Da findet ihr das meiste rote Knochenmark“, riet Orexin.
„Oh nein ...“, jammerte Globin, „das ist auch am weitesten weg!“
„Stimmt. Aber wenn ihr der Wirbelsäule folgt, seid ihr in null Komma nichts dort!“
Globin packte Poietin am Arm und zog es mit in Richtung Rückenmark. „Tschüss, Orexin und Kristallin! Danke!“
„He!“, rief Poietin.
„Was denn jetzt?“
„Du hast gar nicht nach dem Weg gefragt!“
„Keine Panik! Ich weiss, wo Lilis Rückenmark ist. Es ist mit Lilis Gehirn verbunden“, antwortete Globin. „Es ist nicht weit. Wir müssen nur zurück zum Hypothalamus gehen.“
„Hippie- was?“

Globin und Poietin erreichten Lilis Rückenmark schnell.
„Jetzt spielen wir Tarzan. Du wirst Spass haben!“, rief Globin begeistert. Poietin wurde bleich.
„Was? Was ist los? Siehst du Lilis Rückenmark?“ Poietin nickte.
„Schau, es ist voller Seile. Siehst du sie?“ Poietin nickte ein zweites Mal und schaute in den Abgrund.

Der Rückenmarkskanal

„Was du da siehst, sind die Nervenfasern.“
„Was ich sehe, ist ein unglaublich tiefes Loch. Wir können da doch nicht runter, oder?“, schluckte Poietin. „Das ist ganz schön steil ...“
„Doch, wir können die Seile als Lianen benutzen! Das ist super, du wirst es sehen! Wir können einfach im Inneren der Wirbelsäule bis zu Lilis Becken hinunterrutschen. Genial, oder?!“
„Ich mag’s nicht schnell ...“
„Dann kannst du dich jetzt dran gewöhnen. Und los!“ Globin ergriff einen Nerv und verschwand mit einem fröhlichen Kreischen. „Schnapp dir einen Nerv, Poietin! Du bist hier, um Lili zu retten!“
Poietin schloss die Augen, griff nach einem Nerv und liess sich hinunterrutschen. Auf halbem Wege begann ihm die Sache zu gefallen, und es öffnete die Augen und stiess einen langen Tarzanschrei aus.
„Vorsichtig!“, rief Globin mit lauter Stimme. „Bremsen!“
„Wie?“, schrie Poietin.
Aber es war schon zu spät. Poietin landete auf Globin und sie rollten übereinander und kugelten sich vor Lachen.
„Komm. Es ist nicht mehr weit.“
Die beiden Proteine erreichten Lilis Becken, wo sie sich durch den Knochen zwängen mussten, um ins Knochenmark zu gelangen.
„He, der Knochen ist voller Löcher“, sagte Poietin. „hast du Lust, Verstecken zu spielen?“
Globin schüttelte den Kopf. „Ach, bitte. Globin ... Nur ein Spiel! Nur eins! Ein ...“
Aber Globin lächelte nicht mehr. „Wir sind am Ziel. Ich bin so weit mitgekommen, wie ich kann.“
„Wie meinst du das?“, fragte Poietin.
„Dies ist jetzt dein Job. Deshalb hat Lili dich geschluckt.“ Globin klang traurig.
„Oh ... ich verstehe ...“ Poietin war plötzlich ganz geknickt und malte mit dem Fuss auf dem Boden herum. „Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst, Globin?“
Globin schüttelte den Kopf.

Poietin

„Ich glaube, ich werde dich vermissen, weisst du.“ Poietin wischte sich eine Träne ab.
„Ich werde dich auch vermissen, Poietin ...“ Die beiden Proteine fielen sich in die Arme.
„Danke, Globin. Ohne dich hätte ich nicht hierher gefunden. Ich werde dich nie vergessen.“
„Wir haben Spass gehabt, oder? Sieh dir mal alle meinen blauen Flecken an!“, lachte Globin.
Poietin winkte darauf zum Abschied und verschwand in Lilis Knochenmark. Kurz darauf hörte man es mit lauter Stimme den Stammzellen zurufen: „He, aufstehen da drinnen! Die Ferien sind vorbei, jetzt wird nicht mehr ausgeschlafen! Es wird Zeit, dass ihr euch an die Arbeit macht, und zwar richtig!“

„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaah ...” Lili gähnte, öffnete die Augen und streckte sich in ihrem Bett. Zum ersten Mal seit Tagen hatte sie gute Laune. Sie sah aus dem Fenster. Der Frühling war da. Das Tageslicht war sanft und die Blumen blühten schon im Garten. Merlin lag in einer sonnigen Ecke auf dem Gras. Die Vögel zwitscherten. Junge Blätter schaukelten im morgendlichen Wind und eine Hummel flog vorbei. Irgendjemand hatte das Gartentor offen gelassen, und ... und ... was sah sie dort auf dem Balkongeländer rennen? Lili rieb sich die Augen. Waren das etwa Globin und Poietin? Sie stand auf, um besser zu sehen. Und lachte.

ENDE

Lili wird wieder gesund

Text und Illustrationen: Vivienne Baillie Gerritsen und Sylvie Déthiollaz (Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics)
Originaltitel: «Globine et Poïétine sur la piste de la moelle rouge»
Übersetzt ins Englische von Vivienne Baillie Gerritsen
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von CVB International, überarbeitet von Redaktion SimplyScience.ch

© 2003 Vivienne Baillie Gerritsen, Sylvie Déthiollaz, Swiss-Prot Group, Swiss Institute of Bioinformatics
ISBN 2-9700405-2-2

Die Geschichte ist als französisches und englisches Buch bei Lulu.com erhältlich. Die PDF-Versionen sind kostenlos downloadbar.

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